Zum Join up, ein interessanter Leserbrief an die Cavallo.

 

Titel: „Die irren Kreisläufer“

 

In unserer Reitschule pflegen wir das Motto: Tradition bewahren, durch Neues ergänzen. Mit unseren Ausbildungsmethoden stehen wir in der Tradition der Kavallerie, sind aber ständig bemüht, neue Erkenntnisse einzufügen, solange sie ohne Stress und Strafe funktionieren, denn Pferde blockieren unter Stress und Strafe. Bevor wir eine neue Methode übernehmen, prüfen wir sie auf Herz und Nieren.

So auch das „Join up" von Monty Roberts. Nach dem Studium seiner Bücher hatten wir große Erwartungen, zumal Monty Roberts schildert, wie stresslos und sanft „Join up" ist. Zu drei Fragen sollte uns unser Versuch Antwort geben:

1. Wie viel Druck muss man aufs Pferd anwenden, um zu dem von Roberts geschilderten Ergebnis zu kommen?

2. Wie hoch ist der Stress Faktor, und wie kompensiert das Pferd den Stress?

3. Wie sanft zum Pferd kann ich sein und trotzdem ein Ergebnis erreichen?

Ausgerüstet mit Stoppuhr und Pulsmessgerät für Distanzreiter begann unser Test zum Faktor Druck. Bei allen sechs getesteten Pferden erhielten wir das gleiche Ergebnis während des joinens: Bei geringem Druck und mäßigem Tempo zeigte sich keine Wirkung. Der Arbeitspuls blieb zwischen 50 und 55 Schlägen pro Minute (Ruhe: ca. 40 Schläge). Auch nach 20 Minuten gab es kein von Monty Roberts geschildertes Kauen und Lecken. Also erhöhten wir den Druck und legten Tempo zu.

Als wir die Pferde scheuchten, zeigten drei das Kauen und Lecken und das von Monty Roberts geschilderte Anschließen. Zwei Pferde zeigten durch Auskeilen und Buckeln, was sie vom joinen hielten, das sechste wurde aggressiv. Pferde im Kreis zu jagen, hat aber nichts mit sanfter Ausbildung zu tun. Deshalb unser erstes Fazit: „Join up" ist keine sanfte Methode.

Dann untersuchten wir den Faktor Stress, der in Pulsschlägen pro Minute messbar ist. Zu diesem Test setzten wir drei unserer am besten trainierten Pferde ein, da das Pferd ja in einen Stresszustand getrieben werden muss, um es zum Kauen, Lecken und „sich Anschließen" zu bringen. Das erste Pferd hatte bereits nach zwei Minuten einen Puls von 80 Schlägen pro Minute, was deutlich zeigt, dass es unter erheblichem Stress stand. Bei der normalen Longenarbeit haben unsere trainierten Pferde einen Puls von 60 Schlägen. Daraus ziehen wir das zweite Fazit: „Join up" hat einen sehr hohen Stressfaktor.

Die Ursache für Stress war deutlich: Das Pferd wurde ohne erkennbaren Grund verjagt und in die Flucht gescheucht. Zu Beginn des „Join up" signalisiert der Mensch durch Körpersprache und Treiben dem Pferd eine Gefahr, der es sich als Fluchttier durch Fliehen entzieht. Nun verläuft eine Flucht geradlinig weg von der Gefahr, doch dem sind durch den Roundpen Grenzen gesetzt. Das Pferd ist fortwährend mit der Gefahr des Menschen in der Mitte konfrontiert. Das erzeugt ständig erhöhten Stress.

Wir wollten feststellen, wie sich das Pferd verhält, wenn wir ihm die Chance zur gradlinigen Flucht geben. Kommt dann noch ein „Join up" zustande? Dazu nahmen wir eines der Testpferde auf eine Reitbahn von 50 x 25 Meter mit jeweils einem Helfer an der kurzen Seite, der das Pferd mit einer Longierpeitsche immer wieder auf die lange Bahn trieb. Nach 30 Minuten brachen wir den Test ab: Kauen und Lecken sowie anschließendes Hinwenden zur Bezugsperson kam nicht zustande. Allerdings lag der Puls bei dem hochtrainierten Pferd bei nur 65 Schlägen pro Minute. Dieser Test zeigte uns, dass „Join up" nur im Rundgatter möglich ist und nur mit viel Stress gelingt, der dem Pferd jede wirksame Fluchtmöglichkeit nimmt.

Die fehlende Fluchtmöglichkeit im Rundgatter wirkt katastrophal auf das vegetative Nervensystem. Das führt schnell zu hohem Puls und kann für ein untrainiertes Pferd gefährlich werden. Monty Roberts' Vorgehen, Pferde im Ring vor hunderten Menschen zu jagen, erzeugt noch mehr Stress.

Sein „Join up" beruht darauf, das Pferd in eine ausweglose Flucht zu jagen, einen  rasend hohen Angstpuls zu bewirken, der letztlich zu einem Adrenalin stoß führt.

Ein Pferd unter hochgradigem Stress ist aber nicht lernfähig, was wir auch in einem Test feststellen mussten: Nach erfolgtem Joinen wurde einem unter normalen Bedingungen lernfähigen und lernwilligen Pferd die Aufgabe gestellt, das Kompliment zu lernen. Ich sah noch nie ein Pferd, das so ungeschickt versuchte, an die Möhre zu kommen. Noch ganz unter dem Eindruck des „Join up" war das gestresste Tier nicht in der Lage, Körper und Hufe koordiniert einzusetzen. Ein guter Pferdetrainer will aber, dass das Pferd mitdenkt und mitarbeitet, dass es ohne erheblichen Stress die geforderte Aufgabe erkennt und mit klarem Kopf erfüllt.

Nach den geschilderten Tests kann ich mich nur der Meinung des Verhaltensforschers Dr. Francis Burton von der Universität Glasgow in CAVALLO 12/2003 anschließen und diese inhumane Technik ablehnen. Ich warne andere, „Join up" anzuwenden. Sie können im Extremfall Ihr Pferd sogar in Gefahr bringen oder damit einen geistigen Krüppel produzieren.

Rittmeister Erich Bartsch, Reitschule

Am Reitplatz, 01689 Oberau